Hundgerechte Kommunikation zwischen Mensch und Hund
- und eine kritische Betrachtung der sog. Beschwichtigungs-Signalen -
Von CANIS (Dr.D.Feddersen-Petersen, Michael Grewe, K.Gutmann)
Trotz aller technischen Errungenschaften und Fortschritte braucht der Mensch den Hund heute mehr denn je. Und trotz immer neuer Aufgabengebiete die für Hunde erschlossen werden, sind die meisten Hunde in unserer Gesellschaft arbeitslos.
Sie haben keinen Job mehr zu erledigen, keine Nutztiere zu hüten oder keinen Hof zu bewachen, und werden in erster Linie als Sozialpartner innerhalb der Familie gehalten.
Diese neue Form der Hundehaltung hat auch neue Probleme ins Mensch-Hund-System gebracht, von deren Lösung oder Besserung immer mehr Hundeschulen und Verhaltenstherapeuten leben können. Allein die Veröffentlichungen zu Thema Kommunikation füllen bereits ganze Regalwände. Im Grunde zurecht, denn das einander Verstehen ist die Voraussetzung für jede gute Beziehung. Auch die zwischen Mensch und Hund. CANIS verfolgt duchweg einen systemischen Ansatz und setzt sich deshalb auch mit der Kommunikationspsychologie des Menschen auseinander, um das komplette Mensch-Hund-System zu durchleuchten.
Solange die Menschen noch unkomplizierter kommunizierten, sich körperlicher verhielten und Hunde die nicht verstanden ausselektiert wurden, gab es die heutigen Probleme in der Mensch-Hund-Kommunikation so wahrscheinlich nicht.
In der modernen westlichen Gesellschaft haben wir jedoch leider verlernt, mit Analogkommunikation (Körpersprache) angemessen umzugehen. Die vorherrschenden Prioritäten in der Hundezucht tun ihr Übriges und "produzieren" Tiere, die aufgrund physischer und/oder psychischer Handicaps ganzer Teile ihres Repertoires beraubt sind.
Eine Bewegungseinschränkung oder ein Rempler sind für einen jungen Hund ebenso Normalität im Sozialverhalten wie zärtliche Berührungen. Für die Kommunikation mit dem Hund ist Körperlichkeit also ein wichtiger Bestandteil. Doch in unserer Gesellschaft ist so etwas grundsätzlich verpönt und wird völlig
unreflektiert als brutal gewertet.
Selbst der körperliche Ausdruck von Zuneigung fällt uns zunehmend schwer. Stattdessen werden junge Hunde als Antwort auf ihr Verhalten so lange "bequatscht", bis sie in ihrer Entwicklung so weit fortgeschritten sind, dass dieses Verhalten für die Gesellschaft nicht mehr tragbar ist. Dann muss dem (nunmehr erwachsenen) Hund das (mittlerweile etablierte) Verhalten in langwierigen
Ist es Trend, Not oder beides, dass wir Menschen unser Ausdrucksverhalten unter Anleitung "verbiegen" oder methodisiert vermeintliche "hundliche" (Beschwichtigungs- )Signale einsetzen?
Macht es Sinn, einzelne Verhaltensweisen wie ein Gähnen oder Kopf wegdrehen aus ihrem Kontext zu reißen und statisch in verschiedensten Situationen einzusetzen?
Wird dadurch die menschliche Kommunikation wirklich hundgerechter oder nur
menschenuntypischer?
Durch solche Ansätze entsteht womöglich eine "Fremdsprache", die weder dem Menschen noch dem Hund gerecht wird. Außerdem durchschauen Hunde als fleißige Ethologen jede Art von Theaterspiel und erkennen auch getarnte Motivationen des Menschen.
Es geht also nicht um die Einführung neuer Elemente in die menschliche Kommunikation, sondern vielmehr um eine "Kultivierung" des vorhandenen analogen (körpersprachlichen) Verhaltens. Denn die analogen Verhaltensanteile sind die Wurzeln der Mensch-Hund- Kommunikation, das Ausdrucksverhalten welches interspezifisch verstanden wird.
Es müssen durchaus keine hundlichen Signale kopiert werden, es reicht völlig, sich als Mensch analog verständlich zu machen. Der Hund lebt seit mehreren Tausend Jahren mit dem Menschen zusammen und das unter anderem deswegen so (r)evolutionär erfolgreich, weil er dessen analoges Verhalten so treffsicher zu interpretieren weiß.
Vielleicht wäre es daher besser, sich gar nicht so viele Gedanken darüber zu machen, wie "der Hund" am besten "den Menschen" verstehen könnte, sondern einfach spontan, intuitiv und individuell als Persönlichkeit zu handeln.
Das hat sehr lange Zeit gut funktioniert. Je authentischer und analoger wir uns verhalten, desto leichter ist es für den Hund, uns zu verstehen. Alles was wir dafür brauchen ist ein gutes Bauchgefühl. Schauen wir uns an, wie Wölfe oder Hunde untereinander kommunizieren, überlegen wir uns, wie der Mensch jahrtausendelang mit dem Hund kommuniziert und ihn für vielfältige Aufgaben ausgebildet hat und richten wir uns danach.
Wir müssen unserem Hund nicht sagen, was wir von ihm wollen, sondern es ihm einfach zeigen - angemessen und mit Fingerspitzengefühl.
Die Rolle eines Beraters sollte es sein, Mensch und Hund dabei zu helfen, ihr individuelles Verhalten zum Positiven zu entwickeln.
Dabei trifft er nicht immer auf identische Voraussetzungen, Talente und Möglichkeiten. Kommunikation ist auch Ausdruck von Persönlichkeit. Diese Individualität muss man erkennen und ihr gerecht werden. Sicher gibt es sowas wie Grundregeln der Kommunikation, aber keine standardisierbare Bedienungs- und Reparaturanleitung für Mensch-Hund-Systeme.
Um die Persönlichkeit von Hund und Halter richtig einschätzen zu können und individuelle Eigenheiten zu erkennen, muss ein Berater in Mensch-Hund-Systemen also über umfangreiche Kenntnisse verfügen, sowohl über hundliches als auch über menschlichesVerhalten.